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Rainer Schwarz, Brandursachenermittler der Polizei und Mitbegründer des unabhängigen und nicht kommerziellen Informationsportals www.Brand-Feuer.de im Gespräch mit der TM 2.0.
TM 2.0: Herr Schwarz, den Gegenstand Ihrer Arbeit lassen nur die wenigsten Menschen gedanklich an sich heran, kennen die meisten Menschen tatsächlich nur als cineastischen Spezialeffekt. Was jedoch nur einen Glücksfall darstellt, „mit dessen Ende jederzeit gerechnet werden muss“, wie es in einem Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster aus dem Jahre 1987 heißt. Genau hier leisten Sie mit Ihrem in Art und Umfang beispiellosen, unabhängigen Informationsportal einen wichtigen Beitrag, indem Sie über oft verdrängte Brandgefahren und Möglichkeiten der Prävention aufklären. Was war für Sie gewissermaßen der zündende Gedanke, der Sie dazu veranlasst hat, www.Brand-Feuer.de ins Leben zu rufen?
Rainer Schwarz: Gerne würde ich den Beginn Ihrer Frage gleich aufgreifen. Leider ist es so, dass nur wenige Menschen sich mit Bränden und den Folgen auseinandersetzen. Wir hätten sonst ein viel besseres Verständnis für die Gefahren, die von Brand und Feuer ausgehen. Das Glück nach dem Motto „Wir haben das immer so gemacht“ überzustrapazieren, erweist sich oft als großer Fehler. Wenn Sie die Menschen nach einem Brandschaden erleben, manchmal schwer verletzt, wenn Sie Kinder mit Brandverletzungen sehen, spätestens dann überlegt jeder, ob und wie das Feuer hätte verhindert werden können. Daraus entstand der Gedanke, unser Wissen an andere in der Hoffnung weiterzugeben, dass diese sich Gedanken machen, wie Brände vermieden werden können. Zu diesem Gedanken kam der Zufall. In der Nachbarschaft wurde gegrillt. Plötzlich stand Spiritus auf dem Tisch. In dieser Runde befand sich auch Mark Leewe, heutiger Mitinitiator von www.Brand-Feuer.de. Er als selbstständiger IT-Fachmann und ich als Brandursachenermittler taten uns zusammen, um gemeinsam unsere Mitmenschen aufzuklären und vor Brand und Feuer zu schützen.
TM 2.0: Aus der Brandforschung weiß man ja, dass ein typischer Wohnungsbrand binnen kürzester Zeit so viel toxischen Rauch produziert, dass es nur dreier Atemzüge bedarf, um das Bewusstsein zu verlieren. Umso entscheidender ist es, rechtzeitig gewarnt zu werden. Doch im Gegensatz zu Ländern wie Großbritannien und Schweden, die nach Einführung einer Rauchmelderpflicht die Zahl der Brandtoten jeweils etwa halbieren konnten, leistet sich Deutschland – unfassbar für den Laien – einen Flickenteppich divergierender Länderrechte, wobei jene Bundesländer, die bis dato Rauchmelder vorschreiben, teilweise keine Nachrüstungspflicht im Bestand vorsehen. Wie bewerten Sie die Chancen für eine bundesweit einheitliche Rauchmelderpflicht in naher Zukunft?
Rainer Schwarz: Bekanntlich werden es immer mehr Bundesländer in der Bundesrepublik, die eine Rauchmeldepflicht eingeführt haben oder einführen wollen. Leider ist es so, dass oft erst immer etwas passieren muss, um so eine Einführung durchzusetzen. Unverständlich hierbei, dass mitunter dieselben Politiker in der Opposition die Einführung einer Rauchmelderpflicht fordern, in der Regierungsverantwortung dann aber auf Freiwilligkeit setzen.
Es ist schade, dass manche Politiker den Praxisbezug verloren haben und z. B. ausschließlich für Neubauten eine Rauchmelderpflicht einfordern. Andere aktive Politiker arbeiten mit hohem Praxisbezug. So ist zum Beispiel ein Landesinnenminister aktiv in einer Feuerwehr.
Gehen Sie mal ins Ruhrgebiet oder in große Städte. Dort gibt es viele ältere mehrgeschossige Wohnhäuser mit Holzdecken und einer Elektrotechnik, die viele Jahrzehnte alt sind. Dort hat ein Brand verheerende Folgen – siehe Friedrichshafen, Limburg, Unna usw.
Unverantwortlich finde ich es, dass in Altenpflegeheimen oder Altenwohnheimen nicht überall eine Einbaupflicht für Rauchmelder besteht.
Ich könnte mir vorstellen, dass es bald einheitlich in allen Bundesländern eine Rauchmelderpflicht geben wird, so wie uns das unsere europäischen Nachbarn bereits vormachen.
TM 2.0: Für großes mediales Aufsehen sorgten im Jahre 2004 funktionsuntüchtige, aus China stammende Rauchmelder, die bei deutschen Discountern angeboten wurden und die sogar mit gefälschten Prüfsiegeln gekennzeichnet waren. Woran erkennen Konsumenten heute, dass es sich bei einem angebotenen Gerät nicht um eine lebensgefährliche Attrappe handelt?
Rainer Schwarz: Meiner Kenntnis nach wurden im Jahr 2004 einige hunderttausend Stück „gefälschte“ Rauchmelder nach Deutschland eingeführt. Äußerlich konnten diese funktionsuntüchtigen Rauchmelder nicht als Fälschung erkannt werden. Die Organisation „Rauchmelder retten Leben“ gibt immer Auskunft. Sie empfiehlt VDI – geprüfte Geräte in einem Fachhandel zu kaufen. Heute hat man ein weiteres Qualitätssiegel, das „Q“, hinzugefügt. Es steht für eine fest eingebaute Batterie mit mindestens 10 Jahren Lebensdauer. Aber nicht jeder Rauchmelder ist für jede Räumlichkeit (z. B. Küche oder Wohnzimmer) geeignet.
TM 2.0: Auch im Zeitalter von LED-Beleuchtung ist die Kerze – wir nähern uns jahreszeitlich ja gerade der Hauptsaison – offenbar nach wie vor einer der Klassiker bei den heimischen Brandauslösern. Was sind weitere typische Gefahrenquellen und was kann jeder Einzelne – vom Rauchmelder abgesehen – im privaten Bereich tun, um das Risiko eines Brandes zu minimieren und die Überlebenschancen im Ernstfall zu vergrößern?
Rainer Schwarz: Ob eine Kerze, ein Teelicht oder eine Öllampe, überall besteht eine Gefahr, die von der Flamme ausgeht. Die Kerze sollte einen sicheren Stand haben, kein brennbares Material sollte in der Nähe sein. Das Zimmer sollte während des Betriebes einer Öllampe oder Kerze nicht verlassen werden und denken Sie auch daran, wie schnell die eigene Kleidung Feuer fängt.
Um das Risiko eines Brandes zu minimieren, gibt es neben einer Verhaltensüberprüfung auch technische Möglichkeiten, um Brände zu vermeiden. Viele haben aus Bequemlichkeit ihre Mülltonnen direkt am Gebäude abgestellt. Kommt es dann in einer Plastikmülltonne zu einem Brand, wird das Gebäude gleich in Mitleidenschaft gezogen, manchmal völlig zerstört. Ein Metalleimer gehört nicht nur zu einem Gärtner, sondern in einem solchen sollten Grillasche, die Asche aus dem Kamin oder Zigarettenkippen bis zur gänzlichen Abkühlung zwischengelagert werden.
Bewohner von Mehrfamilienhäusern sollten darauf achten, dass keine Gegenstände im Treppenhaus abgestellt werden, es ist oft der einzige Fluchtweg. Etagentüren in einem Treppenhaus können auch als Rauchschutztüren oder Feuerschutztüren ausgeführt sein. Zimmertüren sollen im Urlaub immer geschlossen werden. Im Brandfall mindert das den Rauch-Rußschaden erheblich; verhindert u. U. eine Sauerstoffzufuhr.
Strom bedeutet Technik, Technik, die in regelmäßigen Zeitabständen überprüft werden sollte, z. B. mit einem E-Check. Als Schutz vor Überspannung ist es oftmals sinnvoll, Stecker von Elektrogeräten zu ziehen, wenn diese länger nicht gebraucht werden, da der Strom immer bis zum Ein- Ausschalter „anliegt“.
Zum Thema Elektrik kann hinzugefügt werden, dass generell auch auf die Effizienz, also auf Stromersparnis Wert gelegt werden sollte. So wird eine Glühbirne mit 75 Watt im Betrieb bis zu 100 Grad heiß. Eine Sparbirne oder LED Beleuchtung verbraucht nicht nur sehr viel weniger Strom, sondern wird auch nicht so heiß, was ebenfalls die Brandgefahr mindert.
Wenn man Zweifel hat, ob ein Elektrogerät sicher ist, kann man sich bei der Stiftung Warentest oder auf der Internetseite der BAuA, der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, informieren, ob von dem Gerät eine Gefahr ausgeht.
Ein Blick auf die verbauten Baustoffe ist vorteilhaft. Holz und Metall können mit einem Brandschutzlack geschützt oder mit Gipskarton verkleidet werden.
Ebenso gehört ein geprüfter Feuerlöscher in jeden Haushalt, somit hat man die Möglichkeit, einen Entstehungsbrand zu bekämpfen.
Wenn Sie einen Brandschaden aufnehmen und die Geschädigten erklären Ihnen, dass sie weder über eine Gebäude- noch über eine Hausratversicherung verfügen, kann man sicher sein, dass die Geschädigten mit einem Brand nicht rechneten – und für diesen Irrtum ihr Leben lang bezahlen müssen.
TM 2.0: Wenden wir uns dem betrieblichen Brandschutz zu: Auch hier gibt es genügend „brennende Baustellen“, wie Auswertungen von Brandversicherern und Berufsfeuerwehren belegen. Mit welchen einfachen Mitteln könnte die Zahl der Schadensfälle Ihrer Einschätzung nach sofort spürbar gesenkt werden? Es ist vielfach die Rede davon, dass bereits bei der Brandmeldung schwere Fehler gemacht werden, welche die Feuerwehren beim Löschen nachher nur mit viel Mühe ausgleichen können.
Rainer Schwarz: Einfache Mittel, um die Schadensfälle sofort spürbar zu senken, gibt es nicht. Ändert man das Verhalten, überprüft die Vorschriften mit dem, was vorhanden ist, kann auch hier die Sicherheit erhöht werden. Warum gibt es z. B. in Gaststätten, Spielhallen oder anderen Gebäuden immer noch Plastikmülltonnen oder brennbare Gardinen? Gleichwohl fehlen oft geprüfte Feuerlöscher oder freie Notausgänge. Oftmals sind Feuerschutztüren mit Keilen unterlegt. Auf der Seite www.Brand-Feuer.de gibt es eine große Anzahl von Negativbeispielen.
Der Abstellplatz von Mülltonnen darf auf keinen Fall am Gebäude sein, da der Brand einer Mülltonne in das Gebäude gelangen kann.
Genauso verhält es sich mit anderen brennbaren Materialien am Gebäude.
Oft findet man in Betrieben Feuerlöscher bedeckt mit dickem Staub… Stichwort Staub – gerade bei einer Feuerungsanlage mit Festbrennstoffen in einer Produktionshalle beinhaltet dieser immer eine Brand- bzw. Explosionsgefahr.
Betriebe sollten entweder vernetzte Rauchmelder haben oder über eine Brandmeldeanlage verfügen. Ebenso sollten die Elektroanlage, die Funktion der Feuerschutztüren und die Feuerlöscher periodisch überprüft werden.
Die Wichtigkeit von Brandschutzbeauftragten wird leider nicht immer richtig bewertet. Arbeits- bzw. Brandschutz sollte eine der tragenden Säulen eines jeden Betriebes sein. Bei Brandschutzübungen wird nicht nur der Fluchtweg erklärt, sondern auch auf die Standorte der Feuerlöschmittel hingewiesen.
Das richtige Absetzen eines Notrufes kann auch an einem Telefon hinterlegt werden. Um der Feuerwehr das Finden des Einsatzortes zu erleichtern, ist oftmals eine gut sichtbare Hausnummer oder eine einweisende Person eine große Hilfe.
TM 2.0: Wie sieht es bei Entstehungsbränden aus? Sollten nicht beispielsweise mehr Mitarbeiter in der sicheren Bedienung von Feuerlöschern geschult werden? Es gibt Stimmen, die behaupten, dass gerade hier ein enormes Potenzial zur weiteren Verbesserung der Sicherheit liegt. Und ist die Funktionsüberprüfung von Feuerlöschern in Ihren Augen engmaschig genug?
Rainer Schwarz: Neben dem Rauchmelder ist der Feuerlöscher ein sehr wichtiges Hilfsmittel gegen das Feuer. Jeder, der vorher mal an einer Unterweisung teilgenommen hat, fühlt sich natürlich sicherer im Umgang mit dem Feuerlöscher, er kann schneller reagieren. Oft versuchen Geschädigte, einen Entstehungsbrand zu löschen – bei vielen Brandstellen kann man feststellen, dass Feuerlöscher zum Einsatz kamen.
Ein nicht betriebsfähiger Feuerlöscher ist natürlich wertlos, tragisch bei einem Entstehungsbrand. Von Defekten hört man aber zum Glück nur sehr selten. Die Lösch- und Treibmittel sowie die Dichtungen und Ventile der Feuerlöscher unterliegen den Einflüssen von Temperatur, Staub und Luftfeuchtigkeit. Der Gesetzgeber ist mit der Einführung der Prüfpflicht dem Sicherheitsbedürfnissen seiner Bürger nachgekommen. Sollte sich die Einstellung zum Brandschutz (Eigenverantwortung) ändern, oder ein Verstoß gegen die Prüfpflicht stärkere Beachtung in der Rechtssprechung finden, wird es noch seltener einen Ausfall eines Feuerlöschers geben. Die Prüfpflicht gilt allerdings nur für gesetzlich vorgeschriebene Feuerlöscher. So muss z. B. ein Feuerlöscher in einer Versammlungsstätte bereits nach 12 Monaten geprüft werden. Somit geht der Gesetzgeber bereits auf verschiedenartige Gefahrenlagen ein.
Auf unserer Seite www.Brand-Feuer.de ist ein Feuerlöscher aus einem Hotelbetrieb mit Holzdecken abgebildet, der im Jahr 1987 letztmalig geprüft wurde. Zum Glück sind solche Fundstücke die Ausnahme.
Neue Ideen, wie z. B. eine Standortanzeige von Feuerlöschern, haben sich leider nicht durchgesetzt.
TM 2.0: In der Polizeilichen Kriminalstatistik für 2010 ist unter dem Punkt „Brandstiftung und Herbeiführen einer Brandgefahr“ von einem leichten Rückgang gegenüber dem Vorjahr zu lesen. Aktuell rückt das Thema aber wieder stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit, seit die Bundeshauptstadt von einer beispiellosen Serie von Brandanschlägen heimgesucht wird und man zeitgleich immer häufiger erschütternde Bilder von chaotischen Ausschreitungen in europäischen Städten zur Kenntnis nehmen muss. Sind die Behörden im Zweifelsfall hinreichend darauf vorbereitet, sich zukünftig möglicherweise einer steigenden Zahl von Menschen erwehren zu müssen, die die grundlegenden gesellschaftlichen Regeln aufkündigen?
Rainer Schwarz: Statistiken sollten als Richtwert angesehen werden. Auch wenn sie mal einen leichten Rückgang verzeichnen, mindert das nicht die Brandgefahr. Nicht jeder Brand wird polizeilich erfasst, so z. B. Blitzschlag oder eine Selbstentzündung.
Das Feuer, die Angst, die Hilflosigkeit, die Frage, wie es nach einem Brand weitergeht, sind für die Geschädigten wichtig – nicht Statistiken.
Ob „Behörden“ auf chaotische Ausschreitungen vorbereitet sind, kann ich nicht beurteilen. Ich glaube nicht, dass die Zahl der Chaoten steigt. Unsere Jugend habe ich mehrheitlich als fleißig und zukunftsorientiert gesehen. Leider sieht man nur die Chaoten im Fernsehen.
Eines kann ich aber beurteilen. Die Mitarbeiter der Feuerwehr sind sehr aktiv. Der Begriff „Firefighter“, Brandbekämpfer trifft es auf den Kopf. Sie setzen nicht nur ihre Freizeit ein, sondern manchmal auch ihr Leben.
TM 2.0: Dazu passt eine aktuelle Forsa-Umfrage, die eben jene „Firefighter“ als Deutschlands derzeit angesehenste Berufsgruppe ausweist. Politiker bilden übrigens das Schlusslicht. Möglicherweise ein Indiz für eine gewisse Sehnsucht nach Verlässlichkeit in Zeiten, in denen die Recheneinheit Milliarde durch die Billion und verantwortungsvolle Politik in der Wahrnehmung vieler Menschen durch hochriskante Pokerpartien ersetzt wird. Mit Sicherheit jedoch ein Beleg dafür, dass Brandbekämpfer und die daran angeschlossenen Berufsgruppen wie Brandursachenermittler tagtäglich einen Job machen, dessen Wert in der Gesellschaft ganz besonders gewürdigt wird. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen für Ihre Arbeit weiterhin viel Fortüne und danken Ihnen für das Gespräch.
Die Fragen stellte Michael Graef.
07.11.2011 © TM 2.0 Technische Mitteilungen – Technical Reports
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